Klein Muckirow: 29. Dezember 2039 – 78-Jähriger bei Reparatur der Stromleitung tödlich verunglückt

Am 10. Juli 2012 habe ich bei NIEDERLAUSITZ aktuell eine fiktive Meldung veröffentlicht, die sich damals wie ein Lauffeuer verbreitet hat.
Alles nur Fiktion.

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Erst heute, am 7.1.2040 erreichte uns die Nachricht, dass in Klein Muckirow im Osten der Niederlausitz ein Unfall geschah. Klein Muckirow liegt weit im Osten der KV-Zone, die den größten Teil des früheren Landkreises Spree-Neiße umfasst. Wegen heftiger Schneefälle konnte der Unfall erst nach Tagen an die KV-Überwachungseinheit in Cottbus gemeldet werden. Die Stromleitung von Cottbus nach Klein Muckinow war defekt und zwei Bewohner machten sich auf den Weg, um die Leitung zu reparieren. Etwa einen Kilometer vom Dorf fanden sie die schadhafte Stelle. Offenbar rutschte der 78-Jährige, der bereits oben an der Leitung war, mit seinen Steigeisen an dem vereisten Holzmasten ab und der Sicherungsgurt riß. Sein Begleiter (81) konnte nur noch seinen Tod feststellen. Einer unserer Reporter hat sich auf die Reise nach Klein Muckinow begeben; wir werden über dieses Dorf und die Hintergründe des tragischen Unfalls berichten.
Hintergrund:
Bereits im Jahre 2007 plädierte der SPD-Politiker Thomas Kralinksi dafür, künftig "kontrollierte Verwilderung" in den Regionen zuzulassen, die abseits der 'Hauptstadtregion' und auch nicht in wirtschaftlichen 'Cluster-Gebieten' liegen. Die damalige Politik 'Stärken stärken' führte dazu, dass der weitaus größte Teil der Fördermittel in die ausgewählten Entwicklungszentren floß und der ländliche Raum, besonders im Osten Brandenburgs, vernachlässigt wurde.
Prognosen des demografischen Wandels führten ebenfalls dazu, dass diese Regionen Brandenburgs keine besondere Beachtung mehr fanden.
Im Jahr 2013 wurden die beiden Hochschulen in der Niederlausitz endgültig zerschlagen. Die neu gegründete 'Energie-Universität' konnte aber nie wieder den guten Ruf der vorherigen Universitäten erreichen. Als dann die Studentenzahlen drastisch sanken, wurde die neue Universität 2016 geschlossen. Bereits ein Jahr vorher wurde von der Landesregierung das Staatstheater in Cottbus aufgegeben und das damals wunderbare Gebäude dem Verfall preisgegeben. Die Ärztekammer und der Olympiastandort Cottbus waren ja bereits verlegt. Das damals größte Krankenhaus Brandenburgs, das CTK, zog sich ebenfalls 2016 nach den ersten roten Zahlen im Jahre 2015 endgültig zurück und startete in der Hauptstadtregion neu.
Das 'GzAddW' (Gesetz zum Ausgleich des demografischen Wandels) lag bereits in der Schublade, bekannt war es jedoch nur einem kleinen Kreis in der Regierung.
Nach einer intensiven Werbekampagne ließen sich viele Bewohner in dem heutigen 'KV-Gebiet' (Gebiet der kontrollierten Verwilderung) durch die ausgesetzten Prämien und die Garantie auf einen Arbeitsplatz zu einem Umzug in den sogenannten Speckgürtel bewegen. Das KV-Gebiet umfasst etwa 90% des damaligen Landkreises Spree-Neiße. Die Einwohnerzahl der Stadt Cottbus sank rapide auf knapp unter 20.000 Einwohner.
Im Jahre 2021 trat das 'Gesetz zum Ausgleich des demografischen Wandels' in Kraft. Die Bewohner in Dörfern, die sich weigerten, ihre Heimat zu verlassen, erhielten 27.349 Euro pro Person. Wegen der Inflation wurde das später auf 32.853 Euro erhöht. Die Regierung wollte diese Menschen nicht zwangsweise umsiedeln.
Im Gegenzug zog sich das Land und der Bund vollständig aus der Daseinsvorsorge zurück.
Nur etwas 120 Menschen in drei Dörfern wählten diese Option.
Vom Tage der Unterschrift unter den Vertrag waren ausschließlich sie für sich verantwortlich.
Das betraf alle Bereiche des Lebens, von Erhalt der Straßen bis zur gesundheitlichen Versorgung.
Klein Muckirow (heute noch 49 Einwohner) ist wegen der Nähe zu Cottbus das einzige Dorf, dass noch mit Strom über eine Leitung, die durch die Bewohner errichtet wurde, versorgt wird.
Nach dem Gesetz erhalten die verbliebenen Bewohner den Strom kostenlos. Vorausetzung ist lediglich der Eigenbau und die Instandhaltung der Leitung.
Es muß ein hartes Leben sein. Sie sind Selbstversorger und verkaufen können sie nur etwas in Cottbus. Vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. Im Winter ist das kaum möglich.
Das Überwachungszentrum der Region ist Cottbus (inzwischen noch 8.571 Einwohner. Davon gehören gut 5.000 Bewohner zur 'VR-Einheit' (Einheit zur Überwachung der kontrolliert verwilderten Regionen). Diese Einheit besteht aus Polizei und militärisch geschulten Personen. Sie sind dafür zuständig, dass Wilderei und illegale Abenteuerurlaube unterbunden werden. Ebenfalls in ihren Zuständigkeitsbereich fällt die Bewachung der Tagebauanlagen. Nach dem Rückzug des damals aktiven schwedischen Unternehmens übernahm die 'Niederlausitzer Braunkohle- und Stromerzeugungs AG' die Förderung. Das Unternehmen ist zu 100% im Besitz des Landes Brandenburg. Da es keinen Widerstand mehr durch Einwohner gibt, können nun endlich alle Vorkommen, z.B. unter der ehemaligen Kreisstadt Forst (Lausitz) gefördert werden. Die weitgehend automatisierten Tagebaue benötigen nur noch knapp 800 Arbeitskräfte.
Das Unternehmen 'Brandenburger Abenteuer- und Jagdtour GmbH', ebenfalls zu 100% dem Land gehörend, sorgt wie die 'Niederlausitzer Braunkohle AG', mit ihren immensen Einnahmen für unseren Wohlstand. Das Land Brandenburg hat ein Monopol in diesen beiden Bereichen. Lizenzen an private Unternehmen verbietet das Gesetz.
Eine Schnellumfrage unserer Zeitung ergab, dass es nur noch wenige der Umzügler gibt, die ihrer ehemaligen Heimat im Osten des Landes nachtrauern. Lediglich einige der älteren Mitbürger vermissen ihrer alte Heimat noch.
Wir sind gespannt auf den Bericht unseres Reporters in der Region. Es wird einige Zeit dauern. Der Zug nach Cottbus verkehrt nur einmal wöchentlich und von dort an geht es nur noch, je nach Wetter, zu Fuß oder mit einer Pferdekutsche weiter. Mit einem Auto ist die Strecke über die maroden Straßen (die man nicht mehr als solche bezeichnen kann) in das Dorf nicht zu bewältigen.
Wenn es weiter schneit, ist es kaum möglich für unseren Reporter, überhaupt bis nach Klein Muckirow durchzukommen.
Leider gibt es in der Region keine Abdeckung via Mobiltelefon mehr, wir müssen warten bis er zurück ist.

Foto 1: Die Natur hat sich die Straße zurückgeholt